In Milchviehherden bleiben manche Krankheiten unbemerkt … und haben dennoch erhebliche Auswirkungen auf die Herdenleistung. Das gilt insbesondere für die subklinische Ketose – eine häufige Stoffwechselstörung, die schwer zu erkennen ist. Wir sprechen mit Angela Kinney, Tierärztin bei BouMatic, um mehr darüber zu erfahren.
Angela Kinney: Die subklinische Ketose ist eine häufige Stoffwechselstörung, die in der Regel zu Beginn der Laktation, in den Wochen nach dem Abkalben, auftritt. In dieser Zeit produziert eine Kuh große Mengen Milch, was ihren Energiebedarf drastisch erhöht. Wenn die mit der Ration bereitgestellte Energie diesen Bedarf nicht deckt, gerät die Kuh in eine negative Energiebilanz. Um dies auszugleichen, mobilisiert sie ihre Körperfettreserven, was zur Bildung von Ketonkörpern führt. Biologisch gesehen gilt eine Kuh als subklinisch ketotisch, wenn der Gehalt an Beta-Hydroxybutyrat, kurz BHB, 1,2 mmol/L überschreitet. Im Gegensatz zur klinischen Ketose sind die Anzeichen sehr subtil oder fehlen vollständig, sodass die Kuh oft gesund wirkt und die Erkennung äußerst schwierig ist.
Angela Kinney: Sie ist viel häufiger, als viele Menschen glauben. Im Durchschnitt betrifft die subklinische Ketose zwischen 10 und 25 Prozent der Kühe in Milchviehherden, und in der Frühlaktation können diese Werte bis zu 40 Prozent erreichen. Das bedeutet, dass in vielen Herden jede vierte Kuh betroffen sein kann, ohne dass es im täglichen Management bemerkt wird.
Angela Kinney: Auch ohne sichtbare Symptome sind die Folgen sehr real und messbar. Aus produktionstechnischer Sicht kann eine Kuh in negativer Energiebilanz bis zu zwei Kilogramm weniger Milch pro Tag produzieren. Über eine gesamte Laktation hinweg summiert sich das auf rund 300 Kilogramm Milch, die schlicht verloren gehen.
Angela Kinney: Subklinische Ketose schwächt die Kuh erheblich und erhöht das Risiko für andere Erkrankungen deutlich. Forschungen zeigen, dass sich das Risiko einer Labmagenverlagerung um das Elffache, das einer Metritis um das Vierfache, das einer Mastitis um das Siebenfache, das einer klinischen Ketose um das Vierzehnfache und das einer Lahmheit um das Doppelte erhöht. Diese sekundären Gesundheitsprobleme sind oft das, was Erzeuger bemerken, während das zugrunde liegende Stoffwechselproblem verborgen bleibt.
Angela Kinney: Absolut. Die Reproduktionsleistung ist klar beeinträchtigt. Wir sehen einen Rückgang der Besamungserfolgsraten um bis zu 35 Prozent, und das Intervall bis zur Trächtigkeit kann sich um etwa 22 Tage verlängern. Das hat offensichtliche Auswirkungen auf Herdeneffizienz und Rentabilität.
Angela Kinney: Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass subklinische Ketose bis zu 262 € pro betroffener Kuh kosten kann. Tatsächlich können die Gesamtkosten sogar höher sein als die mit Mastitis verbundenen Kosten. Eine aktuelle globale Analyse zeigte, dass subklinische Ketose weltweit die Krankheit mit den höchsten jährlichen Verlusten ist und jedes Jahr etwa 18 Milliarden US-Dollar verursacht. Auf Herdenebene summieren sich diese Verluste sehr schnell, besonders weil sie auf den ersten Blick oft unsichtbar sind.
Angela Kinney: Die größte Herausforderung besteht darin, dass subklinische Ketose im Wesentlichen eine stille Krankheit ist. Ohne klare klinische Anzeichen kann sie völlig unbemerkt bleiben, sofern keine speziellen Überwachungsinstrumente eingesetzt werden. Herkömmliche Methoden wie Blut- oder Urintests sind nur Momentaufnahmen und können arbeitsintensiv sein. Sie ermöglichen keine kontinuierliche Überwachung der gesamten Herde.
Angela Kinney: Prävention beginnt mit einem starken Ernährungsmanagement, insbesondere während der Transitphase. Eine hohe Trockenmasseaufnahme ist absolut entscheidend, weil sie weitgehend bestimmt, ob der Energiebedarf einer Kuh gedeckt wird. Das bedeutet, eine ausreichende Aufnahme von Trockenmasse und Energie sicherzustellen, Rationen entsprechend dem Laktationsstadium auszubalancieren, die Körperkondition zu überwachen und bei Bedarf Energieergänzungen wie Propylenglykol einzusetzen. Die Trockenmasseaufnahme am Ende der Trockenstehzeit ist besonders ausschlaggebend – sie beeinflusst die Aufnahme zu Beginn der Laktation stark. Je höher die Aufnahme während der Trockenstehzeit, desto geringer sind Risiko und Schweregrad einer negativen Energiebilanz nach dem Abkalben und damit auch das Risiko einer subklinischen Ketose. Eine frühzeitige Erkennung bleibt jedoch unerlässlich, damit Maßnahmen ergriffen werden können, bevor schwerwiegende Folgen entstehen.
Angela Kinney: Heute verfügen wir über Technologien, mit denen wir deutlich weiter gehen können als früher. Das MilkGenius-System von BouMatic analysiert Milch während des Melkens in Echtzeit und kann Anzeichen eines Energiemangels sehr früh erkennen. Dadurch wird es möglich, sofort Maßnahmen zu ergreifen und sogar Fütterungsstrategien automatisch anzupassen. Mit einer solchen Echtzeitüberwachung müssen Erzeuger nicht mehr warten, bis sichtbare Symptome auftreten. Das ist ein großer Fortschritt bei der wirksamen Verhinderung subklinischer Ketose und beim Schutz der Herdenleistung.
Literaturhinweise: Liang et al., 2017; McArt et al., 2015; Rasmussen et al., 2024